Step-by-Step wie Jesus werden

„Ich habe gewonnen und du hast verloren“, strahlt mich seit kurzem meine 3,5-jährige Tochter an, wenn sie es im Kindergarten mal wieder geschafft hat, mich in einem fulminanten Endspurt auf dem Weg zum Ausgang zu überholen. Gewinnen und verlieren, Gott sei Dank hat sich dieses Leistungskonzept auf dem Jakobsweg noch nicht etabliert.

Hier gewinnt nämlich jeder, der sich auf den Weg macht. Ganz egal in welchem Tempo, ob vollständig zu Fuß oder streckenweise mit Bus, ob mit schwerem Rucksack auf dem Rücken oder bequemeren Gepäck Shuttle. Bekanntlich führen ja viele Wege nach Rom, und so auch nach Santiago de Compostela.

Das, was der Mensch auf dem langen Weg gewinnt, ist vor allem viel Zeit mit sich selbst und im besten Fall innere Ruhe und neue Erkenntnisse. So war es jedenfalls für mich, als ich mich vor zehn Jahren mit meiner Schwester aufmachte, um von Porto aus zum Grab des Heiligen Jakobus zu pilgern.

Ich denke gerne an diesen Urlaub zurück, denn er war so schlicht und einfach. Kein Kopfzerbrechen, welches Programm am nächsten Tag anstand, oder welches Outfit ich anziehen werde. Der Weg und das Ziel waren klar und auch das Schreiben der Packliste war ein Kinderspiel. Je mehr Kilos, desto mehr „Isch hab Rücken“, wie Horst Schlämmer zu sagen pflegte.

Die liebgewonnene Einfachheit erlebte ich insbesondere innerhalb der kleinen Pilgergemeinschaft, die sich während des 280 km weiten Weges gebildet hatte. Auch wenn ich mit meiner Schwester überwiegend alleine lief, kamen wir für Teilstrecken immer mal wieder mit den anderen zusammen. Spätestens am Abend trafen wir uns alle müde, aber fröhlichen Herzens wieder.

Unsere Gruppe war unterschiedlichen Alters, Geschlechts, Nationalität und Berufs. Es war so schön, dass es keinen Unterschied machte, ob ich Studentin war, oder ein eigenes Unternehmen führte. Auf dieser Reise zählte das nicht. Auch beeindruckten wir uns nicht gegenseitig durch elegante Kleidung, tolle Haarfrisuren oder edlen Schmuck.
Stattdessen waren wir auf dem Jakobsweg alle den gleichen Gegebenheiten ausgesetzt: wir trugen nach Schweiß riechende T-shirts und Wanderschuhe; hatten großen Respekt vor Bettwanzen oder schmerzenden Blasen; und womöglich musste sich jeder von uns am ersten Wandertag überwinden, bei ausbleibender Toilette jede Notdurft am Wegesrand zu machen, was natürlich meistens der Fall war. Kurz gesagt, wir begegneten uns sehr echt und bescheiden.

Dieses Angenommensein, das ich in den Begegnungen erlebte, hinterließ bei mir einen prägenden Fußabdruck. Es erinnert mich daran, dass wir Menschen vor Gott alle gleich sind. Kein Jobtitel, kein Geld oder Äußeres macht mich wertvoller, als den anderen.

Diesen Grundsatz voll und ganz umzusetzen, finde ich nicht leicht, schließlich beeinflusst vieles mein Denken und Handeln: z.B. die Gesellschaftsschicht, in der ich verankert bin, meine Herkunft und Glaubensrichtung, oder meine gelebten Werte, um nur ein paar Prägungen zu nennen. Aber ich glaube daran, dass Jesus diese inneren Grenzen in mir immer mehr aufbrechen kann und ich fähig werde, in jedem Menschen ein geliebtes Kind Gottes zu sehen.

In guter Erinnerung ist mir dazu die Handlung eines Geschäftsführers in einem Praktikum geblieben. Hin und wieder machte er sich nach seiner Ankunft im Büro auf, um jeden seiner ca. 200 Mitarbeiter/innen am Schreibtisch mit Handschlag zu begrüßen. Das empfand ich immer als sehr wertschätzend, denn es gab in meinem Lebenslauf Stationen, in denen ich zu spüren bekommen habe, dass ich nur die Praktikantin oder nur die Aushilfe bin.
Dazu passend ein Zitat von dem jüngst verstorbenen Papst Franziskus aus dem Film „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“.

"Je mächtiger Du bist, je mehr Einfluß Deine Handlungen auf die Menschen haben, desto mehr bist Du dazu aufgerufen, demütig zu sein.
Denn sonst wird Dich Deine Macht ruinieren und Du wirst andere zerstören."
(Papst Franziskus)

Eine der einprägsamsten Handlungen, mit der uns Jesus Demut lehrte, war die Fußwaschung seiner Jünger vor dem letzten Abendmahl am Gründonnerstag (nachzulesen im Johannes Evangelium, Kapitel 13).
Er, der Meister kniete sich hin und begann, die Füße seiner Jünger zu waschen, ein zu damaliger Zeit geltender Sklavendienst. Und er beauftragte seine Jünger umgehend, seinem Beispiel zu folgen und ebenso demütig zu handeln. Das gilt auch für uns heute.

Gottes Vorstellung für uns Menschen ist, dass wir die Werte von Liebe und Demut in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen leben. Ganz egal ob in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft oder im Umgang mit Fremden. So ist es nicht verwunderlich, dass der letzte Papst, der sich insbesondere für die Armen und Verstoßenen dieser Welt einsetzte, die jährliche, traditionelle Fußwaschung häufig in Haftanstalten vollzog.

Einladung zum Gebet:

Lieber Vater im Himmel, zeig mir, wie ich die Menschen lieben kann, so wie du mich geliebt hast. Wenn ich selbstsüchtig bin, mach mich demütig. Schenk mir ein dienendes Herz und hilf mir immer wieder neu, meinen Mitmenschen in Liebe und Demut zu begegnen. In Jesu Namen, Amen.

6 Gedanken zu „Step-by-Step wie Jesus werden“

  1. Ein super text, Clara. Wir alle haben viel zu lernen über liebe. Gut das du uns erinnerst, wie das für unser Leben wichtig und nötig ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert